Über das Leben im Stadtteil. Filmpremiere „Kolorit Kochstraße“

Das Kulturzentrum FAUST in Hannover hat einen Film über die Kochstraße und ihre Bewohner drehen lassen. In der Dokumentation „Kolorit Kochstraße“ erzählen ausschließlich die Anwohner die Geschichte des Bezirks durch ihre Persönlichkeiten und ihren Wahrnehmungen. In Wort und Bild ist „Kolorit Kochstraße“ ist eine Einladung die Geschichte eines Stadtteils einmal anders zu erfahren.

Linden in Hannover ist ein ehemaliges Arbeiterviertel. Die Industrie ist lange weg. Heute ist Linden bunt. Viele junge Leute, viele Kulturen, viele Menschen, die von Hartz IV leben. Holger Lauinger und Daniel Kunle haben Menschen aus Linden getroffen. Die beiden Filmemacher haben ihnen zugehört und sich ihre Geschichten erzählen lassen. Lauinger und Kunle gehen im Film „Kolorit Kochstraße“, den sie im Auftrag des Kulturzentrums FAUST entwickelt haben, sehr empathisch mit den Menschen um. Sie nehmen die Perspektiven ihrer Protagonisten ein und lassen ausschließlich sie selbst zu Wort kommen.
„Die Wirklichkeit eines Stadtquartiers wird erst durch die Straße erfahrbar. Hier erlebt man das Nebenher der Unterschiede. Sie ist Ort der Streifzüge und Begegnungen. Eine Bühne des Augenblicks. Auf der Straße ist Jeder Schauspieler und Zuschauer zugleich“, kommentiert Holger Lauinger seinen Film Kolorit Kochstraße.

Die Kamera steht hinter Tina Maschke, der Verkäuferin der Straßenzeitung „Asphalt“, nimmt ihren Blick ein, wenn sie in Lindens Haupteinkaufstraße sitzt: „Manche nennen die Limmer-Straße den Broadway von Linden“. Hier kennt man sie gut und der Zuschauer erfährt ihren Blick auf das Viertel und dessen Veränderungen. Die Zugewandheit und Muse der Filmemacher schenkt den Zuschauern Momente in fremder Menschen Leben, die weit ab sind von unserer überbeschleunigten High-Speed-Wahrnehmung. Sie erzählt vom Stadtteil, davon, wie große Bio-Markt-Ketten, die kleinen Läden verdrängen und auch schon mal Steine fliegen. Das Wort Gentrifizierung braucht nicht  explizit ausgesprochen werden. Es ist alles gesagt. Sie strickt Socken. Damit verdient sie sich ein bisschen Geld und es bereitet ihr auch Lebensfreude. Sie spricht über ihre Strickmuster und ihre Ideen auch aus den verbleibenden Stoffresten attraktive Socken für den Flohmarkt zu machen. Es geht um Armut. Tina Maschke öffnet sich und lässt uns ohne Scham an ihrer Lebenssituation teilhaben.

Muhittin Ertürk ist ein sehr agiler Großvater. Als er vor vielen Jahren sehr jung in die Kochstraße zog, hatte er im Hinterhof einen Baum gepflanzt. Unter dem Baum an der Hofwand hängt ein gerahmtes Gedicht aus dem Teil der Welt, den er mit seiner Frau verlassen hat, um in die Kochstraße zu ziehen. Heute sind es acht Familienmitglieder, die dort leben, der Baum ragt schon lange über das Haus und seine kleinen Enkelkinder tragen das Gedicht vor. „Leben wie ein Baum einzeln und frei und brüderlich wie ein Wald, das ist unsere Sehnsucht! von Nazim Hikmet“. Geduldig hilft er ihnen von Wort zu Wort. Wieder und wieder. Feinfühlig fügt der Film die Schicksale der Bewohner aneinander. Die großen Themen wie Armut, Migration, Gentrifizierung werden wahrnehmbar über die Schicksale der Menschen. Keine Stimme aus dem Off erläutert übergeordnete Zusammenhänge, rückt ins rechte Licht. Wenn Muhittin Ertürk in seiner Muttersprache Türkisch von Trauma und Flucht aus Kurdistan berichtet, fließend und nicht stockend, wie er wenige Minuten vorher im Film Deutsch sprach, dann ahnt man, was es heißen muss, sich eine neue Heimat zwischen den Kulturen aufzubauen und was uns an Kommunikation und Aufmerksamkeit gegenüber unseren ausländischen Mitbürgern unbemerkt fehlen bleibt.

Acht Menschen werden zu Schauspielern. Erzählen und lassen sich begleiten. Martha, die heute über achtzig ist und noch von jedem der vielen Läden und Kneipen weiß, die es mal gab, Eberhard, die Informationszentrale der Straße, der weiß, wer wann wie betrunken war und den Spielplatz pikobello sauber hält.

Acht Spiegel unserer städtischen Welt. Kolorit Kochstraße ist ein Film, der auch an anderen Orten funktioniert. Bei der Premiere hatten die Veranstalter Glück. Es war der erste warme Tag Ende Mai. Der Film über die Kochstraße konnte draußen gezeigt werden. Und das Publikum sitzt mitten drin, in dem was auf der Leinwand passiert. Der von Eberhard sauber gefegte Spielplatz der Kochstraße wird zum Kino. Die Kameraarbeit von Daniel Kunle ist direkt und zugleich unaufdringlich. Treffend. Hin und wieder hört man während des Films jemanden sagen: Oh, dass ist schön. Das hätte ich gern als Plakat“.

Die beiden Filmemacher von „Sein im Schein“ haben schon einige Filme zum Thema demografischer Wandel, bürgerengagierte Stadtentwicklung veröffentlicht und auch dieser spricht ihre verantwortungsvolle Sprache. Eine gute Idee von FAUST, ihr soziokulturelles Projekt von diesem Team umsetzen zu lassen.

Das Projekt Kochstraße wurde gefördert von der Stiftung Niedersachsen, dem Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur, dem Fonds Soziokultur und der Landeshauptstadt Hannover.


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