Kulturpolitik ist Klassenpolitik

Norbert Sievers

Kulturpolitik ist Klassenpolitik

(der Artikel als pdf)

Wo steht die Soziokultur?

Vortrag zur Verabschiedung von Gerd Dallmann am 29. Juni 2018 im PAVILLON Hannover

Noch bis vor wenigen Jahren wäre mir der Titel dieses Vortrags nicht in den Sinn gekommen. Gelten nicht gerade die Kultur und die Kulturpolitik als Felder, auf denen sich ein gesellschaftlicher Konsens paradigmatisch etabliert hat? Sind die alten Formeln einer „Kultur für alle“ und „Kultur von allen“ nicht zumindest ansatzweise akzeptiert und umgesetzt worden? Gehört das Denken in Klassen und Schichten nicht der bürgerlichen und industriemodernen Vergangenheit an, die seit Langem durch die Post-Moderne mit ihrem Trend zur Individualisierung, Hybridisierung und Entgrenzung überwunden ist? Sind die alten Kämpfe in Westdeutschland zwischen Breiten-, Amateur-, Freie-, Sozio- und Hochkultur, von denen die 1970er und 1980er Jahre geprägt waren, nicht längst ausgefochten? Geht es in der Kulturpolitik heute nicht vielmehr darum, gemeinsam für die Vielfalt der Kultur einzustehen und den Eigensinn der Kunst gegen ihre kommerzielle Vernutzung zu verteidigen – über alle Parteigrenzen hinweg?

Man kann das so sehen. Es kann aber auch sein, dass hier eine alte liebgewordene Erzählung bemüht wird, die dringend der Auffrischung durch andere Geschichten und Sichtweisen bedarf. Das Buch des Kultursoziologen Andreas Reckwitz „Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne“ bietet dafür viele anregende Argumente, die uns Anlass geben sollten, erneut über die gesellschaftliche Entwicklung nachzudenken und eine neue Standortbestimmung der Soziokultur vorzunehmen. Ich will dies tun, indem ich versuche, auf dem Hintergrund der zitierten Publikation die aktuelle Lage zu beschreiben und die Rolle der Soziokultur anzudeuten. Im anschließenden Gespräch werden wir dann den einen oder anderen Gedanken sicher vertiefen können.

 

Drei-Klassen-Gesellschaft

Zu den zentralen Thesen der Reckwitz‘schen Gesellschaftsanalyse gehört die Feststellung, dass die spätmoderne Gesellschaft der Singularitäten, deren Entstehung er im Zeitraum der 1970er/1980er Jahre verortet, eine Drei-Klassen-Struktur ausgebildet hat, die sich wesentlich von der Sozialstruktur der Industriemoderne des 19. und 20. Jahrhunderts unterscheidet. Neben einer neuen Mittelklasse, die vor allem aus Menschen mit einem hohen kulturellen Kapital und meist akademischen Bildungsabschlüssen besteht und die vor allem im Feld der Wissens- und Kulturökonomie arbeiten, identifiziert Reckwitz als zweite Klasse die alte nicht-akademische Mittelklasse, die sich überwiegend aus dem alten Bürgertum, aber auch aus aufgestiegenen Arbeitern und kleinen Angestellten rekrutiert, und eine neue Dienstleistungsklasse geringqualifizierter und prekär beschäftigter Menschen, in der sich ebenfalls ein Drittel der Bevölkerung befinden soll.

Der gesellschaftliche Strukturwandel, der zu dieser Klassenbildung geführt hat, ist nach Reckwitz durch eine „Kulturalisierung des Sozialen“ gekennzeichnet, die vor allem durch die Digitalisierung und das Internet forciert wird, und die der Kreativ- und Kulturwirtschaft zu neuer ökonomischer und kultureller Bedeutung verholfen hat. Im Zentrum steht danach in dieser neuen Phase der Modernisierung nicht mehr nur die „Produktion von Maschinen, Energieträgern und funktionalen Gütern, sondern die expansive und den Alltag durchdringende Fabrikation von (…) Texten, Bildern, Videos, Filmen, phatischen Sprechakten und Spielen.“ Sie entstehen weniger in seriellen und standardisierten Produktionsverfahren (am Fließband), wie es für die Industriemoderne noch typisch war, sondern in Teams, Projekten und anderen Formaten und Kontexten, die das Besondere, das Einzigartige, das Aktuelle und Situative möglich machen, die in der Gesellschaft der Singularitäten neue Bedeutung erlangen.

Reckwitz spricht in diesem Zusammenhang auch von der Logik des Besonderen, die die Logik des Allgemeinen zunehmend in den Hintergrund drängt, ohne indes ganz zu verschwinden. Im Unterschied zu anderen prominenten Modernisierungstheoretikern der letzten Dekaden sind für ihn die Individualisierung und Flexibilisierung der Lebensformen jedoch nicht getrennt von den sozialen Trägergruppen zu sehen, in der sie vor allem auftreten und die sie befördern. Vielmehr gilt für ihn, dass das „spätmoderne Subjekt in seiner avanciertesten Form .. sozialstrukturell nicht in der Luft (hängt), sondern .. sich in einem eindeutig bestimmbaren sozial-kulturellen Milieu, ja – stärker formuliert – in einer sozial-kulturellen Klasse (bewegt): der neuen Mittelklasse.“ Die sozialstrukturelle Transformation, welche die westlichen Gesellschaften seit den 1980er Jahren erleben, lässt sich für ihn „als ein Wandel von der nivellierten Mittelstandsgesellschaft zur kulturellen Klassengesellschaft beschreiben“, die ihre eigenen Gewinner und Verlierer hervorbringt. Zu den Gewinnern zählt die neue Mittelklasse mit ihren akademischen und kosmopolitischen Milieus, während das alte Bürgertum seine kulturelle Hegemonie tendenziell einbüßt. Die eindeutigen Verlierer sind indes die Angehörigen der unteren prekären Dienstleistungsklasse, die aus dem öffentlichen Kulturangebot faktisch ausgeschlossen sind.

 

Kulturpolitik und Sozialstruktur

Wir leben also in einer Klassengesellschaft, deren Schichtung nicht nur sozioökonomisch, sondern sehr stark auch soziokulturell begründet ist. Das ist zunächst noch nicht ungewöhnlich. Kultur und Kulturpolitik waren schon immer sozialstrukturabhängig. Jede Phase der gesellschaftlichen Modernisierung hatte auch ihre spezifischen kulturellen Trägergruppen, Kulturformate und -einrichtungen. Mit der bürgerlichen Gesellschaft im 19. Jahrhundert und mehr noch in der Industriemoderne des 20. Jahrhunderts bildete sich aus dem frühen Engagement des Kulturbürgertums und der Arbeiterbewegung heraus eine öffentliche Kulturpolitik, die dafür in Deutschland die notwendige Infrastruktur bereitstellte, die in ihrer Dichte und Vielfalt weltweit einmalig sein dürfte. Es entstanden Theater und Konzerthäuser, Museen und Musikschulen, aber auch Bibliotheken, Volkshochschulen und Stadtteilkultureinrichtungen mit je unterschiedlichen, aber sich auch überschneidenden Publika, die sich aus bestimmten sozialen Gruppen oder Schichten zusammensetzten. Vor allem das Bildungsbürgertum mit seiner Vorliebe für Inhalte und Formate der Klassik konnte auf diese Weise seine damalige kulturelle Hegemonie infrastrukturell absichern und seinen Kulturbegriff als öffentlichen, also der Allgemeinheit dienenden Auftrag begründen. Noch heute wird der Löwenanteil der staatlichen und kommunalen Kulturausgaben für jene Einrichtungen bereitgestellt, die sich inhaltlich dem kulturellen Erbe der Klassik verpflichtet fühlen beziehungsweise in dieser Tradition stehen und mit einem öffentlichen Bildungs- und Vermittlungsauftrag ausgestattet sind. Mit dem Anbruch der Spätmoderne und damit auch mit der Entwicklung der Neuen Kulturpolitik und der Soziokultur in den 1970er und 1980er Jahren beginnt diese Hegemonie und Legitimation zu bröckeln.

Die kulturpolitischen Reformversprechen der 1960er und 1970er Jahre waren zwar noch sehr stark den Ideen der kulturellen Chancengleichheit und gerechten Teilhabe an den öffentlichen Kulturgütern verpflichtet, wie es namentlich der soeben verstorbene ehemalige Frankfurter Kulturdezernent Hilmar Hoffmann mit der Programmformel „Kultur für alle“ propagierte, aber schon damals waren im Westen Deutschlands die diesen Ideen zugrundeliegenden Gesellschaftsmodelle der „nivillierten Mittelstandsgesellschaft“ und das damit verbundene allgemeingültige Kulturkonzept der 1950er und 1960er Jahre brüchig geworden. Die alten sozialen Fragen der Industriemoderne und deren normative Verhaltensdispositive und Sekundärtugenden wie Pflichterfüllung, Gehorsam, Pünktlichkeit, regelkonformes Verhalten sowie die kulturelle Werte und Werke der bürgerlichen Moderne wurden zunehmend ergänzt und abgelöst durch die Thematisierung neuer immaterieller Werte und Einstellungen zum Leben und eine neue Kultur der Teilhabe und Eigentätigkeit im Kontext der neuen sozialen Bewegungen.

Die „Stille Revolution“, die Robert Ingelhart 1977 konstatiert hatte und die die Grundlage für die Wertewandeldebatte in den westlichen Gesellschaften war, wurden in der Neuen Kulturpolitik der 1970er Jahre schnell aufgegriffen. Paradigmatisch dafür stand im Übrigen die 1976 gegründete Kulturpolitische Gesellschaft, in deren Grundsatzpapier, die Themen „Emanzipation, Kreativität, Partizipation, Kommunikation, Humanisierung und Identitätsfindung“ als „Leitbegriffe“ einer notwendigen bildungs- und kulturpolitischen Diskussion formuliert wurden. Wären noch die Begriffe Authentizität und Subjektivität hinzugefügt worden, wäre das terminologische Ensemble komplett gewesen, das Reckwitz wie auch andere Modernisierungstheoretiker als kennzeichnend für die Spät- oder Postmoderne ausgewiesen haben. Will sagen: Die Inhalte der Neuen Kulturpolitik waren bereits der Auftakt für eine Kulturpolitik der Spätmoderne, ohne dass sich deren Gründerpersönlichkeiten darüber rechteigentlich im Klaren sein konnten.

Die zitierten Begriffe markieren gleichermaßen die Programm- und Legitimationsstruktur der Neuen Kulturpolitik, deren (publizistischer) Auftritt mit der Entstehung jener neuen Mittelschicht korrespondiert, die Andraes Reckwitz im Auge hat und die nicht zuletzt hier im Raum versammelt ist. Damals war es eine Klasse junger akademisch gebildeter Menschen, die nicht zuletzt aufgrund der Bildungsreform aufsteigen, sich in sozialen Bewegungen engagieren und in den neuen Dienstleistungsberufen oder in den vielfältigen Nischen der Alternativ- und Soziokultur, der Kreativökonomie und des zweiten Arbeitsmarktes ein Auskommen oder eine zeitlich befristete Anstellung erhalten konnten. So richtig ernst genommen wurden sie damals in der Kulturpolitik noch nicht. Das ist normal für die Anfänge gesellschaftlicher Bewegungen. Mittlerweile ist die neue Mittelklasse durch den fortgesetzten und durch die Digitalisierung dynamisierten Strukturwandel jedoch bedeutender und kulturell tonangebend geworden. Auch in der Kulturpolitik ist dies auf Resonanz gestoßen, wenn auch (noch) nicht in dem Ausmaß, wie es die gesellschaftliche Bedeutung der neuen Kulturklasse begründen würde. Zu verweisen ist hier auf das gesamte Arsenal an neuen kulturellen Formaten und Infrastrukturen, die durch die Neue Kulturpolitik und die sie tragenden gesellschaftlichen Gruppen entstanden sind: die Soziokulturellen Zentren, die Kinder- und Jugendkunstschulen, die Tanz- und Kreativhäuser, die Kulturwerkstätten und Filmhäuser und nicht zuletzt die enorme Fülle zeitlich befristeter Programme, Projekte und Festivals, die sich im Gesamt jeder statistischen Erfassung entziehen.

Was hat dies nun alles mit Klassenpolitik zu tun? In gewisser Weise war Kulturpolitik immer Klassenpolitik, auch wenn sie sich aus naheliegenden Gründen in einer Rhetorik des Konsenses besser aufgehoben fühlte und lieber die weichen Begriffe des Milieus und der Schicht benutzte, die dem auf Vielfalt setzten Ideal der kulturellen Demokratie eher entsprachen. Sie tut gut daran, sich dieser Tatsache bewusst zu werden, nicht um daraus kurzschlüssige klassenkämpferische Forderungen abzuleiten, sondern um ein Verständnis dafür zu entwickeln, dass Kulturpolitik als Gesellschaftspolitik unter den Bedingungen der Spätmoderne mit einer anderen Sozialstruktur und Realität konfrontiert ist und neu begründet werden muss. Trifft die Analyse von Andreas Reckwitz zu, dann ist davon auszugehen, dass den traditionellen Kultureinrichtungen tendenziell die gesellschaftlichen Träger- und Nutzergruppen wegbrechen und dass andere kulturelle Interessen und Präferenzen, Formate und Optionen entstehen, auf die Kulturpolitik reagieren muss. Die „Kulturmaschine“, von der Reckwitz spricht, bringt ganz neue Voraussetzungen für Kultur mit sich:

  • die durch die Digitalisierung mögliche Überproduktion der Kulturformate und deren ubiquitäre Präsenz und Nutzbarkeit,
  • die Stärkung der Publikumsrolle gegenüber der Produzentenrolle,
  • die weitere Enthierarchisierung der Kultur,
  • die Momentanisierung und Aktualisierung der Kultur und
  • die erweiterten Möglichkeiten zur Rekombination und des Remixes der Kulturformate und die damit verbundene Verwischung von Original und Kopie.

Damit verändern sich entscheidende Parameter der Kulturproduktion, -repräsentation und -vermittlung, die die neue Kulturklasse und ihre kosmopolitischen Milieus zusätzlich stärkt. Für Reckwitz trägt dieser Prozess der Kulturalisierung sogar „zur Auflösung des Allgemeinheitsanspruchs der Kultur bei, der in der klassischen Moderne existierte“ und der – so ließe sich ergänzen –  eine wesentliche Legitimationsressource der öffentlichen Kulturförderung bis heute ist. Der Kulturbetrieb stellt sich bereits auf diese Entwicklung ein und tritt mit neuen Konzepten und Formaten auf. Neue Veranstaltungsformen entstehen, die dem Momentanisierungs- und Aktualisierungsbedürfnis Rechnung tragen. Der Wunsch nach mehr Authentizität, Erlebnis und Vielfalt steht ganz oben auf der Agenda des Kulturmanagements und es wird jede Möglichkeit genutzt, das Besondere zu inszenieren. Das Regime des Neuen gewinnt die Oberhand und verdrängt die Logik des Allgemeinen, also des Kanons, des Repertoirs, der Standards und der überlieferten Narrative, würde Reckwitz sagen. Öffentlich finanzierte Programme (z.B. der Kulturstiftung des Bundes) sollen Kultureinrichtungen dabei helfen, ihre Transformation ins neue digitale Zeitalter zu bewältigen und die boomenden Maßnahmen der kulturellen Bildung sollen für die notwendigen Qualifikationen für die kulturelle Partizipation und Aktion der neuen Kulturkonsumenten und -prosumenten sorgen.

Kulturpolitik befindet sich also in einer Phase der Veränderung und richtet sich programmatisch und infrastrukturell gerade auf die kulturelle Ausgangslage und die neuen hegemonialen Klassenverhältnisse aus. Vor allem die neue Mittelklasse der Modernisierungsgewinner und der akademischen Milieus steht in ihrem Fokus, die ihr Recht auf kulturelle Teilhabe und Selbstermächtigung derzeit am lautesten artikulieren und die als „kulturelle Allesfresser“ auf das gesamte Spektrum des kulturellen Angebotes zugreifen. Die Neue Kulturpolitik der 1970er und 1980er Jahre hat diese Entwicklung bewusst befördert und die neue Klasse gezielt adressiert. Mehr kulturelle Teilhabegerechtigkeit im Sinne einer „Kultur für alle“ ist dadurch aber eher nicht entstanden. Ähnlich wie es für die Spätmoderne sozialökonomisch behauptet wird, erleben wir auch sozialkulturell nicht nur einen Fahrstuhleffekt, der alle Menschen auf ein höheres Niveau heben würde, wie es Ulrich Beck noch gesehen hatte, sondern auch einen Rolltreppeneffekt: den Aufsteigern korrespondiert auf der gegenüberliegenden Seite auch eine sozialstrukturell relevante Anzahl von Absteigern, die vom kulturellen Fortschritt, so es denn einer ist, abgekoppelt werden. Wir erleben dies in prekären Stadtteilen, in denen die Segregation fortschreitet, wir erleben dies in strukturschwachen ländlichen Räumen vor allem im Osten Deutschlands, aber nicht nur dort. Wir erleben dies aber auch bei alleinerziehenden Frauen und Männern, bei kinderreichen Familien. Und wir erleben dies natürlich auch in den migrantischen Milieus, von Flüchtlingen ganz zu schweigen.

Diese gesellschaftlichen Gruppen sind für die öffentliche Kulturpolitik weitgehend verloren, manche für immer, andere nur für bestimmte biografische Phasen. Erschwerend kommt hinzu, dass vor allem die jüngeren Menschen wenig Zugänge zu öffentlichen Kulturangeboten finden, wenn sie sie denn überhaupt suchen. Das Kulturpublikum vor allem der klassischen Formate ist, so kann man grosso modo sagen, seit den 1970er Jahren überproportional, also stärker als die Gesellschaft insgesamt, gealtert. Und es steht zu befürchten, dass an dieser Situation auch die Programme der kulturellen Bildung nur wenig werden ändern können. Andererseits erleben wir – jenseits von den Offerten des öffentlichen Kulturbetriebs – eine gigantische Kulturalisierung der Gesellschaft, die getrieben ist durch das Bedürfnis nach affektgeladener Teilhabe und eigenaktiver Kreativität und gesteigert und ermöglicht wird durch die Optionen der Digitalisierung und der Unterhaltungs- und Kreativökonomie. Die Spätmoderne ist also keine kulturlose Gesellschaft, ganz im Gegenteil. Nur ist die Kultur, um die es hier geht, eine andere als die der bürgerlichen Moderne, aus der viele unserer Kultureinrichtungen kommen und aus der sich die Begründungen und Rechtfertigungen der öffentlichen Kulturpolitik immer noch speisen.

Wo steht nun die Soziokultur?

Zunächst müssen wir unterscheiden zwischen dem Programmbegriff ‚Soziokultur‘ im Vokabular der kulturpolitischen Reformsprache und dem Praxisbegriff ‚Soziokultur‘ im Kontext der soziokulturellen Bewegung und ihrer Akteure. Für den Programmbegriff steht vor allem der Name des leider auch gerade verstorbenen Hermann Glaser, den wahrscheinlich alle hier im Raum kennen. Er hat schon zu Beginn der 1970er Jahre als Erwartung formuliert, was sich heute in den Analysen von Andreas Reckwitz als Feststellung findet, und steht damit für mich wie kein Zweiter an der Nahtstelle zwischen einer Kulturpolitik der bürgerlichen Moderne und der Spätmoderne. Wenn Reckwitz etwa auf die Enthierarchisierung des Kulturbegriffs in der Spätmoderne hinweist, dann fällt mir dazu ein Zitat von Glaser sein, der schon Anfang der 1970er Jahre zu Protokoll gab: „Kunst ist keine Walhalla, der sich der Geist devot zu nähern hätte; Kultur ist etwas, das man wie soziale oder politische Probleme ‚ungeniert‘ anpacken kann und soll.“ Seine Plädoyers für eine nicht-affirmative, unprätentiöse, dem Alltag der Menschen zugewandte und in diesem Sinne demokratische Kultur waren Aufforderungen, ohne die die Entwicklung der Soziokultur und der kulturellen Bildung wahrscheinlich gar nicht möglich gewesen wären. In seinem aleatorischen Ansatz, der dem Spiel als kulturelles Phänomen eine große Bedeutung beimaß, kann bereits ein Vorgriff auf die Bedeutung des Spielerischen in der Gesellschaftsanalyse von Andreas Reckwitz gesehen werden. Da gab es die digitalen Games noch gar nicht, die heute als neues Kulturgut gelten.

Mehr noch: Sein Diktum, Kultur müsse kommunikativ ‚verflüssigt‘ werden, „um in die Poren aller Lebensbereiche einzudringen“, ist, wenn man Reckwitz glaubt, in der Gesellschaft der Singularitäten faktisch erreicht. Für Hermann Glaser war der Begriff der Soziokultur eine „Hilfskonstruktion“, die genau solange ihre Gültigkeit haben sollte, bis dieses Ziel erreicht sein würde. Jetzt ist es erreicht, auch wenn Glaser sich die Gesellschaft wohl anders vorgestellt hat. Als politischer Reformbegriff hat die Soziokultur also (fast) ihr Ziel erreicht und wohlmöglich ausgedient.

Wie verhält es sich nun mit der Praxis der Soziokultur? Ich will jetzt keine Eulen nach Athen tragen, aber daran möchte ich doch erinnern, dass die Soziokulturellen Zentren und Szenen in den 1970er und 1980er Jahren Orte und Kontexte waren, in denen die „Counter Culture“ gelebt wurde, die Andreas Reckwitz als wirkungsmächtige Bewegung für den postmaterialistischen Wertewandel immer wieder anführt. Die Werte der Selbstverwirklichung und Selbstentfaltung, die typisch sind für die Spätmoderne, gehören gewissermaßen zur programmatischen DNA der Soziokultur. Die soziokulturelle Praxis war aber nicht nur eine Heimat der Postmaterialisten, sondern auch eine Ideenschmiede für neue Methoden und Formate der Kulturarbeit, die sich an den neuen Herausforderungen und Werten der Spätmoderne orientiert und abgearbeitet hat: zugängliche Kulturangebote offerieren, der kulturellen Vielfalt Räume geben, aktuelle Kulturformate aufgreifen, den Bedürfnissen nach Authentizität und Affektivität Rechnung tragen, alltagsnahe kulturelle Arrangements herstellen. Wo ist dies früher und dauerhafter geschehen als in Soziokulturellen Zentren und der vielfältigen soziokulturellen Projektelandschaft? Wenn wir heute von einer Soziokulturalisierung des öffentlichen Kulturbetriebs sprechen können, dann hat diese Praxis kulturpolitisch gesehen, daran seinen Anteil und seinen Verdienst. Dies wäre zumindest in einer noch ausstehenden historischen Analyse der Neuen Kulturpolitik zu vermerken.

Auch insofern hat die Soziokultur also in gewisser Weise ihre Funktion erfüllt, wäre da nicht ein Auftrag, den der schon genannte Hermann Glaser und nach ihm viele andere Politiker*innen und Praktiker*innen der Soziokultur und Neue Kulturpolitik ins Stammbuch geschrieben haben. Denn allen diesen Menschen ging es ja nicht um Kultur nur um der Kultur Willen, sondern um eine Kultur der Emanzipation, der Reflexion, der Aufklärung, der Humanität, der Gerechtigkeit und der Demokratie. Es ging ihnen damit auch um die Logik des Allgemeinen und des Öffentlichen, die Andreas Reckwitz in der Gesellschaft der Singularitäten bedroht sieht. Dieser Auftrag scheint noch unerledigt zu sein. Er stellt sich vielmehr in neuer Form und Dringlichkeit und wir tun alle gut daran, uns nicht in vermeintlichen Erfolgen zu sonnen, sondern auch die Versäumnisse und neuen Realitäten zu sehen. Nicht nur die Kulturpolitik, auch die Soziokultur und das links-liberale akademische Milieu, das sie trägt, hat Fehler gemacht und die neuen Klassenverhältnisse zu spät erkannt. Vor allem haben sie zu spät erkannt, dass sie in diesen Verhältnissen verortet sind und einen aktiven Part haben. Sie predigen unablässig Offenheit, sind aber statistisch und milieuspezifisch gesehen fast eine geschlossene Gesellschaft, zu der zu viele Menschen keinen Zugang finden oder finden wollen.

Dies ist solange kein Problem, wie es um einzelne Gruppen oder Milieus geht, die eben eine andere Kultur leben oder andere Freizeitinteressen haben. Wenn es aber so ist, dass Kulturpolitik immer mehr zur Klassenpolitik wird, indem sie mit ihren Offerten bestimmte gesellschaftliche Gruppen und Milieus bevorzugt adressiert und andere eben nicht, und große soziale Formationen faktisch nicht mehr erreicht werden, dann ist die Situation eine andere. Und wenn dann noch soziale Bewegungen hinzukommen, die ihr Ausgeschlossen- und Abgehängtsein zum politischen Thema machen und eine Politik der Offenheit und Toleranz angreifen, dann ist eine indifferente Haltung keine Option mehr. Dann gilt es, eine Kulturpolitik für alle Klassen zu machen, was möglicherweise nur unzureichend geschehen ist. Und es gilt, Stellung zu beziehen und das Gespräch zu suchen mit denen, die sich ausgeschlossen und abgehängt fühlen. Das ist schwer, weil wir darin nicht geübt sind und weil die Gräben schon so tief sind und weil man mit vielen, die hier gemeint sind, auch gar nicht sachlich reden kann. Dennoch bleibt uns wohl keine andere Wahl. Insofern stimmt dann wohl immer noch, was der schon erwähnt Hermann Glaser mit der Hilfskonstruktion „Soziokultur“ verband. Er definierte sie wie folgt: „Soziokultur ist der Versuch, vorrangig, neben anderen Aspekten, Kunst als Kommunikationsmedium zu bereifen – als eine und zwar sehr gewichtige Möglichkeit, die plurale (und damit auch in vielfältige Einzelinteressen, Interessenkonflikte, Verständigungsbarrien zerklüfteten) Gesellschaft auf der ‚kommunikativen Eben‘ zusammenzubringen.“ Dieser Auftrag wiegt schwer in einer Gesellschaft, die immer mehr auseinanderzufallen droht. Vielleicht zu schwer.

 

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