Kulturverein Petersburg erhält Kulturpreis des Landschaftsverbands Osnabrück

Der Landschaftsverband Osnabrücker Land hat den Kulturpreis 2019 vergeben. Er geht in diesem Jahr an den Osnabrücker Kulturverein Petersburg. Der Verband würdigte damit die vielfältige Arbeit des Vereins. Der Kulturpreis ist mit 5.000 Euro dotiert.

 

 

Lesen Sie hier die Laudatio von Klaus Thorwesten, Berater der LAGS

 

Laudatio – Kulturpreisträger Kulturverein Petersburg e.V. Osnabrück

Drei Menschen sitzen an einem, mit Holzscheiten befeuerten alten Kaminofen zusammen. Es ist Winter, feucht und kalt, aber direkt am Ofen ist es ganz erträglich.

Es klopft, ein Nachbar unterbricht das Gespräch und fragt nach Wasser, leider kann man der Bitte nicht nachkommen, die Wasserleitung ist außer Betrieb. Trotzdem gibt es heißen Kaffee, er wurde wohl von zu Hause mitgebracht.

Falls Sie jetzt denken, dass dies der Anfang eines Weihnachtsmärchens ist, dann täuschen Sie sich.

Dies, lieber Herr Präsident des Landschaftsverbands Dr. Lübbersmann, liebe Kolleg*innen meine sehr verehrte Damen und Herren, war eine Begebenheit aus dem Veranstaltungsraum des Kulturvereins Petersburg im KAFF am Hafen. KAFF = „Kultur am fantastischen Freihafen“

Also eine Szene aus dem Alltag oder auch dem ganz alltäglichen Wahnsinn eines alternativen Kulturzentrums in einer halbfertigen Immobilie. Ziel dieses Beratungsgesprächs war, u.a., übrigens folgendes Problem bzw. die Frage: Müssen wir die, aus der Soziokulturförderung des Landes Niedersachsen zugesagten Investitionsmittel für die vorgesehene Heizung verwenden, oder kann ein Teil für die aktuelle und nicht vorherzusehende Brandschutzauflage umgewidmet werden? Aber wie bekommen wir dann das Haus warm?

Die Geschichte des Kulturvereins Petersburg umfasst schon so einige Kapitel. Sie begann bereits Ende 2010 am ehemaligen Osnabrücker Güterbahnhof, daher auch der Name Petersburg.

Über den Standort Güterbahnhof ließen sich unzählige Geschichten erzählen. Ein riesiges Areal und Stadtentwicklungsprojekt. Die Zeitungen waren in den letzten Jahren voller Berichte über die unterschiedlichen Akteure mit unterschiedlichen Interessen und Plänen, über unzählige politische, zwischenmenschliche und juristische Auseinandersetzungen. Der Kulturverein oft als Leidtragender mitten drin.

Schon ab 2007 hatte der kulturell interessierte Initiator Carsten Gronwald Teile der Immobilie angemietet um hier ein großes Probenraumzentrum für Bands zu schaffen. Hier kam, mit Unterstützung des Vermieters, auch der „Freiraum Petersburg“ wie man sich nannte, unter.

Was wollte die Initiative, die sich dann als der Verein gründete auf dem Gelände?

„Freiraum“ beschreibt es ganz gut, einen Raum wo alle Aktiven basisdemokratisch mitreden und entscheiden können, einen Raum der nicht durch ökonomische oder terminliche Sachzwänge bestimmt wird, wo der Weg das Ziel ist, wo man ausprobieren und auch scheitern kann. Wo sich junge Menschen (wobei dies aber kein Ausschlusskriterium war), die sich in anderen kulturellen Zusammenhängen und Institutionen nicht widerfinden für sich und andere eine eigene kleine Welt und Kulturszene schaffen können.

Begegnungen im „Cafe Mythos“, Veranstaltungen wie Lesungen, Konzerte, Spieleabende, Sessions, Theaterprojekte, aber auch Werkstätten gab es, neue Formate wie „Klettern und Bouldern“, entwickelten sich als Angebot. Selbst initiativ werden war möglich und gewünscht, auch als niederschwellige Angebote für Menschen mit kleinem Geldbeutel.

Im „Hackspace Wurmloch“ gab es Kurse zur Informatik und elektronischen Arbeiten, selbst reparieren, hinter die Dinge sehen als eine Aktion gegen die zunehmende Wegwerfgesellschaft.

Der Traum Petersburg war 2013 vorbei, die Räumlichkeiten mussten aufgegeben werden. Nach einer Übergangsphase, die der Verein mit punktuellen Angeboten in anderen Kultureinrichtungen überstand, konnte der Verein die Räumlichkeiten am Hafen beziehen, das KAFF entstand.

Beziehen ist ein großes Wort. Wir reden über ein angemietetes Gebäude im Rohbauzustand, umgeben von Speichern einer ehemaligen Heeresbäckerei der Wehrmacht, nach dem Krieg war das Haus eine Wache der britischen Militärpolizei. Wieder sah sich der Verein mit vielen Aufgaben konfrontiert, die weniger mit Kulturarbeit sondern mit baulichen Belangen zu tun hatte, um überhaupt erst einmal eine ganzjährige Nutzung des Hauses zu ermöglichen. Vieles in der Entwicklung war mit technischen oder bürokratischen Hürden versehen, oder auch abhängig von anderen Akteuren vor Ort, das Ende ist offen.

Ich zolle dem Verein großen Respekt dafür, dass er trotz aller erdenklicher Widrigkeiten, auf dem Gelände an der Petersburg, der Zeit ohne Haus und nun am Hafen in einem, in Teilen immer noch Rohbau, nie aufgegeben hat seine Träume zu verwirklichen. Die Aktiven sich nicht haben entmutigen lassen, der Verein immer wieder auch neue Mitstreiter*innen finden konnte, die begeistert von der Idee ehrenamtlich über Jahre Stunde um Stunde in dies Projekt und in diese Kulturarbeit investiert haben.

Die „Petersburg“ war ja historisch eine Trutzburg im Dreißigjährigen Krieg, vielleicht hat das ein wenig zum großen Durchhaltevermögen des Vereins beigetragen.

Der Kulturverein Petersburg mit seinen Angeboten hat eine Daseinsberichtigung in Osnabrück längst unter Beweis gestellt. Die Palette der Kulturangebote und Szenen in Osnabrück ist sehr vielfältig und ausdifferenziert, wie auch die Interessen und die Sozialisation der Osnabrücker und Osnabrückerinnen, ob hier geboren oder auch zugewandert, sehr unterschiedlich sind.

Die soziokulturellen Basisangebote des Kulturvereins sind eine wichtige Bereicherung der Osnabrücker Kulturszene. Hier ist wieder ein neuer Ort entstanden, wieder ein Ort mit Bedeutung für die Stadtentwicklung, mittlerweile gibt es den lauten und den leisen Speicher. Die Musikszene und einige Institutionen haben sich angesiedelt privatwirtschaftliche Investitionen sind getätigt worden, ein neuer Kreativort ist entstanden.

Ich wünsche dem Kulturverein Petersburg, seinem Vorstand und allen Akteur*innen weiterhin viel Kraft und Engagement. Auch, so hoffe ich, wird es eine Zeit geben in der „Baustrom“, Ofenheizung nur für einen Raum, Wasseranschluss und alle anderen baulichen Improvisationen der Vergangenheit angehören.

Damit dieser Ort gute Bedingungen hat, auch in Zukunft, ein Ort des Gestaltens, der demokratischen Auseinandersetzung, der Zusammenarbeit, des Diskurses, des kulturellen Handelns, der Musik, des Spiels, der Spontanität, und der menschlichen Begegnung zu sein. Dazu bedarf es weiterhin des Engagements der Mitglieder des Vereins, der Unterstützung und der öffentlichen Förderung. Ich bin überzeugt, der Landschaftspreis ist hier besonders gut angelegt und wird sicherlich seine Wirkung gut entfalten können.

Victor Hugo sagte einmal: „Nichts ist stärker, als eine Idee, deren Zeit gekommen ist“.

Herzlichen Glückwunsch an den Verein und vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

 

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