Laudatio und Preisverleihung für "Westside Culture Clash"

Das Projekt „Westside Culture Clash“ von der musa hat 2017 den Förderpreis Musikvermittlung des Musiklands Niedersachsen und der Niedersächsischen Sparkassenstiftung gewonnen. Prof. Dr. Johannes Voit hat eine Laudatio auf das Projekt gehalten.

"Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebes Westside-Culture-Clash-Team!

Der Förderpreis Musikvermittlung, der alle zwei Jahre vom Musikland Niedersachsen und der Niedersächsischen Sparkassenstiftung verliehen wird, geht heute an das Kulturzentrum musa e.V. für das Projekt Westside Culture Clash. Es ist mir eine besondere Freude, heute als Jurymitglied die Laudatio für dieses wunderbare Projekt halten zu dürfen. Der Film, den wir alle gleich sehen werden, erzählt eine Geschichte, die von Migration, den Herausforderungen der Integration, Liebe und all den anderen Dingen handelt, die junge Menschen heute umtreiben. Er greift damit Themen auf, die höchst aktuell und brisant sind und sich im Moment sogar als Zerreißprobe für unsere Bundesregierung erweisen. Kaum ein anderes Thema polarisiert, ja: spaltet die Gesellschaft in Deutschland und Europa derzeit so sehr wie eben das Thema Migration. Dabei werden Stimmen immer lauter, die nach Abschottung und dichten Grenzen rufen. Vorschläge, Flüchtlinge in sogenannten „Ankerzentren“ zu sammeln, ihre Reisefähigkeit einzuschränken oder sie vor den Toren der EU in zentralen Auffanglagern zusammenzupferchen, kommen längst nicht mehr nur aus den Reihen der rechtspopulistischen Parteien. Von „Willkommenskultur“ mag kaum mehr jemand sprechen. Die Forderungen nach Abschottungen übertönen wieder einmal die immer noch drängende Frage, wie Integration gelingen kann. Sie verschließen die Augen vor der Tatsache, dass es sich bei Geflüchteten um Menschen handelt, die ihre Heimat, Freunde und Familie zurückgelassen haben, weil sie die Hoffnung antreibt, bei uns ein besseres Leben in  Frieden und Freiheit führen zu können. Auch Menschen, deren Familien bereits in zweiter oder dritter Generation bei uns leben, bekommen den neuen, kalten Wind zu spüren: Plötzlich wird ihr Glaube wieder thematisiert, ihre Kultur bewertet, ihre Zugehörigkeit hinterfragt: „Fühlst du dich als Deutscher oder als Türke?“ „Wo kommst du eigentlich wirklich her?“ Fragen werden gestellt, die für die Betroffenen häufig gar keine Fragen sind. Sie sind längst angekommen in dieser Gesellschaft, haben ihren ganz persönlichen Platz gefunden als Schüler_innen, Auszubildende, Student_innen. Sie engagieren sich im Sportverein, machen Musik und tragen ganz selbstverständlich Anteile verschiedener kultureller Identitäten in sich. Und sie teilen ihren Alltag mit den anderen Menschen in ihrem Stadtteil.

In der Weststadt Göttingens zeichnet sich dieser Alltag durch ein besonders buntes Neben- und Miteinander aus. Die musa als Kulturzentrum in der Weststadt bietet ein vielfältiges Kursangebot für alle Menschen in Göttingen an. Sie ist daher der ideale Ort, um ein derart ambitioniertes Musical-Film-Projekt wie Westside Culture Clash zu realisieren. Es handelt sich dabei nicht um eines der derzeit vielerorts durchgeführten „Flüchtlingsprojekte“, sondern um ein Projekt für alle Bewohner*innen des Stadtteils, zu denen ganz selbstverständlich auch die Jugendlichen mit Migrationshintergrund gehören. Ihre Geschichte wird im Film mit einer Unbeschwertheit, Leichtigkeit und Unverkrampftheit erzählt, wie es nur selten gelingt.

Dafür allein hätte das Projekt schon einen Preis verdient. Aber einen Förderpreis für Musik-Vermittlung? Über diese Frage haben wir in der Jury durchaus diskutiert. Kann ein Filmprojekt einen Preis für Musikvermittlung bekommen, in dem Musik zwar eine große Rolle spielt, in dem sie aber letztlich nur eines von verschiedenen Medien ist, mit denen eine Geschichte erzählt wird? Ja. Wir waren uns schnell einig, dass ein solcher Film den Förderpreis verdient hat. Zum einen achtet die Jury bei der Auswahl der fünf pro Ausschreibungsjahrgang prämierten Projekte besonders auf den Aspekt der Vielfalt und versucht, jeweils unterschiedliche Formate zu fördern. Zum anderen zeichnen wir nicht das fertige Produkt aus, sondern der Förderpreis möchte eine Starthilfe geben und dabei unterstützen, gute Ideen Wirklichkeit werden zu lassen. Dabei spielt der Prozess, der zu dem fertigen Film geführt hat, den wir heute alle bewundern können, eine ganz entscheidende Rolle. Bei Westside Culture Clash fand der entscheidende Anteil der Musikvermittlung bereits vor der Premiere und hinter den Kulissen statt. So sind für dieses Filmprojekt höchst unterschiedliche Gruppen zusammengekommen: Frauen, Männer, Schüler*innen und Senior*innen, Menschen unterschiedlicher kultureller Prägung haben sich zusammengetan, um gemeinsam die Idee vom Musicalfilm Wirklichkeit werden zu lassen. Dass solche Gruppen zusammenarbeiten, ist alles andere als selbstverständlich. Denn die verbreitete Meinung, Musik sei eine universelle Sprache, die von allen verstanden werde, ist nicht so ganz richtig.

Es gibt inzwischen zahlreiche Studien, in denen Menschen unterschiedlicher Kulturen, die noch nie Kontakt mit westlicher Musik hatten, westliche Volkslieder, klassische Stücke und Popsongs vorgespielt wurden. Dabei stellte sich heraus, dass es einige universelle Aspekte gibt, die von allein gleichermaßen verstanden werden, unabhängig von ihrer kulturellen Prägung. Andere Aspekte werden aber nur von Menschen der jeweiligen Kultur verstanden und sind also Ergebnis kultureller Prägung. Dazu kommen die unterschiedlichen Hörpräferenzen und Vorlieben von Menschen innerhalb einer Kultur. Gerade in der Jugendzeit spielt der Musikgeschmack eine zentrale Rolle bei der eigenen Identitätsfindung. Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe äußert sich nicht zuletzt im gleichen Musikgeschmack. Musik dient aber auch dazu, sich von der Generation der Eltern oder von anderen Jugendgruppen abzugrenzen, was zu starken musikalischen Vorlieben aber auch zu starken musikalischen Abneigungen führt. Die Offenheit gegenüber unbekannter Musik – Musikpädagogen sprechen auch von „Offenohrigkeit“ – nimmt in dieser Lebensspanne ab. Es bilden sich Musikpräferenzen heraus, die meist bis weit in das Erwachsenenalter hinein stabil bleiben.

Warum erzähle ich Ihnen das alles? Um Ihnen zu zeigen, dass es alles andere als selbstverständlich ist, dass Hiphopper*innen mit einer Seniorentanzgruppe, einem interkulturellen Orchester und einem Fanfarenzug in einem Projekt zusammenarbeiten. Es bedarf eines hohen Maßes an pädagogischem Geschick, interkultureller Kompetenz, Empathie, Feinfühligkeit und organisatorischer Professionalität, um das zu bewerkstelligen. All das brachten die Macherinnen und Macher dieses Projekts mit. Allen voran möchte ich hier das vierköpfige Kreativ-Team nennen:

Janina Lieseberg, die 2016 den Impuls für das Projekt gegeben hat und an der Entstehung von Skript und Musik mitgewirkt war. Sonja Elena Schroeder, die die Idee für eine Filmkomödie über Integrationsklischees hatte, die Regie übernommen und ebenfalls am Skript mitgearbeitet hat. Adrian Buchner, der die Komposition und Produktion der Musik übernommen hat und Thomas Kirchberg, der für Kamera und Schnitt verantwortlich war. Nennen möchte ich aber auch die Projektleiterin Gabi Radinger, ohne deren unermüdliches Engagement das Projekt wohl undenkbar gewesen wäre, und die vielen beteiligten Ensembles, Gruppen und Kooperationspartner, die bereit waren, sich auf Neues einzulassen und das Projekt mit Leben gefüllt haben:

Das Otto-Hahn-Gymnasium, die Geschwister-Scholl-Gesamtschule, die Freie Musikschule am Wall, das Interkulturelle Orchester Göttingen, die Seniorentanzgruppe der musa, der Sportverein Grün-Weiß Hagenberg, der Fanfarenzug Neuhof/Harz, die Göttinger Dance Company, TV-Roringen – Rope Skipping, Bildwerfer, Lares Music, die Jugendhilfe Südniedersachsen – Projekt ZeitWeise und das Weststadtzentrum.
Ihnen allen ist ein – nicht nur aus musikvermittlerischer Sicht – interkulturelles Meisterstück gelungen. Das Projekt hat ganz bewusst nicht versucht, kulturelle Unterschiede zu nivellieren und alle mit einer musikalischen Sprache sprechen zu lassen. Vielmehr wird den einzelnen Menschen und unterschiedlichen Gruppen Raum gegeben, um sich mit ihrer jeweils eigenen musikalischen Ausdrucksweise einzubringen und zu begegnen. So kann Verständnis wachsen für den anderen, seine Art Musik zu machen und seine Art zu leben. Und für die Gemeinsamkeiten, die wir trotz aller offensichtlichen Unterschiede haben. Wenn man diesen Schritt wagt, aufeinander zuzugehen und gemeinsam Musik zu machen, kann die verbindende Kraft von Musik zum Tragen kommen und die Ohren bleiben offen für die Musik anderer Kulturen und Generationen. Hierin liegt aus Sicht des Musikvermittlers der unschätzbare Wert des Projekts Westside Culture Clash. Ich gratuliere allen an diesem Projektbeteiligten ganz herzlich zum Förderpreis Musikvermittlung 2017."

Prof. Dr. Johannes Voit

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