SOZIOkultur: 10 Jahre Bericht der Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“

Die Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ ist auf Initiative der rot-grünen Koalition 2003 eingesetzt und unter der späteren Regierung fortgesetzt worden. 2017 hat die Enquete-Kommission ihren ersten Bericht über die kulturelle Infrastruktur Deutschlands vorgelegt. Fast 400 Empfehlungen werden darin an Bund, Länder und Kommunen gegeben.

Im Hinblick auf die anstehende Bundestagswahl am 24. September dieses Jahres wurden Fachpolitiker aller im Bundestag vertretenen Partien zu ihren Vorhaben bezüglich der Umsetzung der Enquete Empfehlungen im Bereich der soziokulturellen Zentren befragt. Hier die Fragen von dem Magazin SOZIOkultur und die Antworten der Bundestagsabgeordneten Ulle Schauws:

 

Werden Sie und Ihre Fraktion sich – und wenn ja, wie – in der kommenden Legislaturperiode für die Umsetzung der oben genannten Handlungsempfehlung der Enquete-Kommission zu den Soziokulturellen Zentren einsetzen?

Antwort:

Soziokulturelle Zentren leisten einen ganz entscheidenden Beitrag zur kulturellen Vielfalt in Deutschland. Sie ermöglichen es, einen Bezug zum eigenen lokalen Umfeld als Heimat herzustellen. Soziokulturelle Zentren wirken zugleich in viele Bereiche hinein von Kinder- und Jugendarbeit bis Umweltpolitik. Sie tragen Kultur in die Gesellschaft und fordern uns mit innovativen Ansätzen heraus. In der soziokulturellen Arbeit verbinden sich kulturelle und politische Bildungsarbeit genauso wie Sozial- und Integrationsarbeit. Sie sind deshalb für den Zusammenhalt der Gesellschaft von ganz zentraler Bedeutung und tragen mehr zur Integration bei, als all die Beschwörungen einer „Leitkultur“. In diesem Zusammenhang ist es aktuell wichtig, dass auch die Arbeit der Soziokulturellen Zentren mit Geflüchteten ausreichend Unterstützung bekommt. Die Projektträger der soziokulturellen Zentren arbeiten lokal stark vernetzt, achten auf niederschwellige Zugänge und führen die Projekte gemeinsam mit den Flüchtlingen durch. Unsere grüne Bundestagsfraktion hat in den Haushaltsberatungen der letzten Jahre regelmäßig Anträge zur Erhöhung der Mittel für die Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren gestellt. Wir werden uns weiter uns für die Umsetzung der oben genannten Handlungsempfehlung einsetzen.

 

Welche weiteren Handlungsempfehlungen – auch aus anderen Kapiteln des Abschlussberichtes – halten Sie für die Zukunft der Soziokulturellen Zentren ebenfalls für bedeutungsvoll?

Antwort:

Die Empfehlung 5: Die Beibehaltung der Förderung der Bundesvereinigung Sozikultureller Zentren als Dach – und Fachverband. Vor allem finden wir es in der aktuellen Situation sinnvoll, wie in Kapitel 3.1.2. des Abschlussberichts empfohlen, „die besonderen Erfahrungen soziokultureller Zentren zum Beispiel im Hinblick auf Interkulturalität, Teilhabechancen und Einfluss auf die Lebensqualität auszuwerten und daraus gegebenenfalls Handlungsempfehlungen für andere kulturelle Bereiche zu entwickeln.“ Denn das ist für uns Grüne eine entscheidende Frage: Was können traditionelle Einrichtungen und die „großen Tanker“ der Kultur aus der soziokulturellen Praxis „an der Basis“ lernen und für ihre Arbeit fruchtbar machen?

 

In den nunmehr 35 Jahren soziokultureller Arbeit auf Bundes- und Landesebene sowie der wesentlich länger andauernden praktischen Arbeit und gelebter Soziokultur in den Zentren und Initiativen sind nicht nur eine Menge Dokumente kulturpolitischer und alltäglicher soziokultureller Praxis entstanden. Aus dieser Arbeit resultiert auch ein großes politisches, soziales, gesellschaftliches, prozessuales und künstlerisches Wissen, das sich u.a. an Archivalien ablesen und erforschen ließe. Da auch im Bereich der Soziokultur ein umfassender Generationenwechsel ansteht, aus dem in den kommenden Jahren eine noch nicht abzuschätzende Lücke an spezialisiertem Wissen entstehen wird, hat die BuSZ auf Impulse der Landesvereinigungen hin beschlossen, die Einrichtung eines Archivs der Soziokultur zu projektieren und voranzutreiben. Werden Sie und Ihre Fraktion eine konkrete drastische Maßnahme ergreifen, um die Einrichtung eines solchen Archives zu ermöglichen?

Antwort:

Ob es dazu einer „drastischen Maßnahme“ bedarf, bleibt abzuwarten. Aber gerade unter dem Gesichtspunkt, dass Kulturinstitutionen sich von der Soziokultur viel abschauen können, wäre ein solches Archiv sicherlich wünschenswert. Schließlich arbeiten soziokulturelle Zentren in vielen unterschiedlichen Bereichen, so dass hier im Laufe der Jahre ein immenser Wissensschatz entstanden ist, den es zu erhalten gilt. Der Transfer dieses Wissens an kommende Generationen wäre wünschenswert, denn es gibt im Bereich Soziokultur wichtiges Fachwissen zu bewahren und weiterzugeben – Wissen, das sich nicht einfach „ergoogeln“ lässt. Deshalb werden wir das Projekt mit größtem Wohlwollen prüfen und schauen, ob und wenn ja wie es sich mit Unterstützung anderer Fraktionen umsetzen lässt. Wie und mit welchen finanziellen Mittel dies geschehen soll, wird Gegenstand der politischen Debatte sein.

Zurück