Interkultur in der Soziokultur

Interkultur in der Soziokultur - Von der Alltäglichkeit des Umgangs

Die Mitgliederversammlung hat zur Frage nach dem Verhältnis von Soziokultur und Interkulturhierzu das folgende Papier verabschiedet:

Interkultur in der Soziokultur – von der Alltäglichkeit des Umgangs

In den vergangenen Jahren hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass Deutschland ein Einwanderungsland und die Integration von Migrant*innen eine zentrale gesellschaftliche Aufgabe ist, die auch das Engagement der Mehrheitsgesellschaft erfordert. In diesem Zusammenhang hat in Kultur und Kulturpolitik das Thema Interkulturelle Arbeit erhöhte Aufmerksamkeit erhalten. Wir haben uns für die Soziokultur gefragt: Was leisten wir zur Bewältigung der gesellschaftlichen Herausforderungen und was bedeutet interkulturelle Arbeit denn ganz konkret in der Praxis?

1. Grundsätzliches

Die grundsätzlichen Merkmale der Soziokultur finden wir in der Praxis bestätigt:

 Es gibt eine grundsätzliche Ausrichtung soziokultureller Zentren auf die Partizipation breiter Bevölkerungsschichten.

Menschen aus dem Umfeld der Einrichtungen – ganz gleich welchen Alters, welcher Herkunft oder sozialen Stellung – prägen den Alltag der Einrichtungen, auch ohne dass sie ausdrücklich zur „Zielgruppe“ erklärt werden müssen.

Eine auf kulturelle Vielfalt ausgerichtete Kulturarbeit liegt im Eigeninteresse der Einrichtungen.

Soziokulturelle Einrichtungen sind erprobte und bewährte Orte für interkulturelle Kommunikation und Partizipation.

2. Praxis der interkulturellen Arbeit in der Soziokultur

Interkulturelle Arbeit ist selbstverständlicher Bestandteil soziokultureller Arbeit.

So vielfältig und unterschiedlich sich Soziokultur vor Ort gestaltet, so unterschiedlich und vielfältig sind die Merkmale interkultureller Arbeit in soziokulturellen Zentren.

Die Beteiligung und die Teilhabe

Soziokulturelle Zentren ermöglichen vielfältige und abgestufte Formen der Beteiligung und der Teilhabe. Hier können sich unterschiedliche Individuen und Gruppen neu beheimaten. Hier hat jede und jeder die Möglichkeit, das Spektrum der eigenen Partizipation zu erweitern und zu erneuern. Vom Gast im Café über den Veranstaltungsbesuch, über den eigenen Gruppenabend bis zur Projektbeteiligung und zur Mitgliederversammlung, gibt es diese vielfältigen und abgestuften Formen von Beteiligung und Teilhabe.

Soziokulturelle Einrichtungen unterscheiden sich in ihren Profilen sehr voneinander; je nachdem, ob ihre Schwerpunkte stärker in spartenübergreifende Kulturprogrammen, in der kulturellen Bildung, in gemeinwesenorientierten Kulturaktivitäten oder Projekten liegen, gilt, dass sie grundsätzlich ihre Arbeit an den kulturellen Interessen in ihrem Umfeld ausrichten. Je nach Profil heißt dies dann praktisch:

Das Kunst- und Kulturangebot

Das Kunst- und Kulturangebot in soziokulturellen Einrichtungen ist selbstverständlich international und durch unterschiedliche Kulturen geprägt. Viele Kunststile haben sich in der Begegnung der Kulturen eigenständig und neu entwickelt und finden in den Einrichtungen Proberäume, Werkstätten und Bühnen.

Die kulturelle Kinder- und Jugendbildung

Die kulturelle Kinder- und Jugendbildung ist bei dem hohen Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund selbstverständlich eine interkulturelle Arbeit.

Die sozial-kulturelle Arbeit

Soziokulturelle Einrichtungen in sozialen Brennpunkten oder sozial benachteiligten Gebieten initiieren und ermöglichen hier Beteiligung, eigene kulturelle Aktivität und Bildung für Menschen, die wenig eigene Zugänge zu anderen Menschen, zu Kultur und Bildung haben. Die kulturelle Arbeit mit sozial benachteiligten Menschen bezieht Menschen mit und ohne Migrationshintergrund gleichermaßen ein.

Das interkulturelle Selbstverständnis

Das interkulturelle Selbstverständnis in den Einrichtungen entwickelt sich weiter: mit den Arbeitsinhalten, den Besucherinnen und Besuchern sowie mit den Mitarbeitern. Zum Beispiel wird ein Team mit hauptamtlich beschäftigten Kolleginnen und Kollegen mit Migrationshintergrund (mittlerweile zwischen 12 und 15 %) seine Arbeitsweisen, Sichtweisen und Haltungen möglicherweise eher von außen unbemerkt verändern.

3. Merkmale interkultureller Arbeit in der Soziokultur

Wesentliches Merkmal interkultureller Arbeit in der Soziokultur ist der bewusste und aktivierende Umgang mit unterschiedlichen Kulturen und Selbstverständnissen in soziokulturellen Einrichtungen unter der Maßgabe der Akzeptanz der jeweiligen kulturellen Eigenaktivität.

· In der Soziokultur finden Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen und aus unterschiedlichen Kulturen ihren Raum oder ihren Ort, um eigene Aktivitäten realisieren zu können. Akzeptanz und Toleranz gegenüber der jeweiligen kulturellen Eigenheit sind Basismerkmale in soziokulturellen Häusern.

Ein weiteres Merkmal ist die Förderung und Anregung des organisierten und unorganisierten interkulturellen Austausches und der Auseinandersetzung.

· Die Erfahrung in soziokulturellen Einrichtungen zeigt, dass über die Bereitstellung von Infrastruktur hinausgehende Kontakte und Gespräche zu Mitarbeitern und anderen Besuchern und Gruppen selbstverständlich entstehen, weitergehende Interessen deutlich werden und ein interkultureller Austausch – organisiert und unorganisiert oder leise befördert – stattfindet.

Ein drittes Merkmal ist die Förderung und Anregung gemeinsamer Aktivitäten, Projekte und Arbeitsweisen in soziokulturellen Einrichtungen. Ob in Schreibwerkstätten mit ausländischen Frauen, in Jugendmusicals mit Haupt- oder Berufsschülern oder bei Theaterprojekten, bei denen die ganze Dorf- oder Stadtteilbevölkerung eingebunden ist – immer bringt die Förderung der eigenen Kreativität auch die Begegnung mit den Ausdrucksformen und –möglichkeiten der jeweils anderen Beteiligten hervor.

· Insbesondere die Auseinandersetzung und auch Abgrenzung in Bezug z.B. auf das demokratische Selbstverständnis und den partnerschaftlichen Umgang miteinander, auf das Selbstbestimmungsrecht von Kindern und Frauen, auf religiöse und kulturelle Eigenheiten, betrachten wir ausdrücklich als Bestandteil interkultureller Arbeit und nicht in Abgrenzung zu ihr.

4. Forderungen und Handlungserfordernisse

Migrantenselbstorganisationen sollten in die Lage versetzt werden, gleichberechtigt am öffentlichen Diskurs und angemessen an vorhandenen Fördermöglichkeiten zu partizipieren. Sie werden hierbei durch unsere RegionalberaterInnen unterstützt.

Bei der Initiierung und Pflege von Netzwerken und Kooperationen werden von Seiten der Soziokultur Migrantenselbstorganisationen selbstverständlich beteiligt.

Wir sind in einem Lernprozess und auch hinsichtlich unserer Fortbildungsangebote und der Öffentlichkeitsarbeit sowie auf der Verbandsebene offen für die Interessen und Impulse von Migrant*innen. Wir sind bereit, mögliche Schwellen, die einer gleichberechtigten Teilhabe im Wege stehen, abzubauen.

Soziokultur hat vielfältige Potenziale für eine aktivere und deutlichere Teilhabe von Migrantinnen und Migranten am kulturellen und gesellschaftlichen Leben. Diese Potenziale gilt es, noch stärker zu nutzen. Behindert wird dies vor allem durch die starke strukturelle Unterfinanzierung der Soziokultur. Alltägliche und kontinuierliche Teilhabe braucht ausreichende und kontinuierlich vorhandene professionelle Strukturen. Hier gilt es, grundlegend die Voraussetzungen zu verbessern und nicht nur einzelne, zeitlich befristete, sondern möglichst modellhafte Projekte zu entfachen.