Nachhaltigkeit als kulturpolitischer Auftrag: Von der Soziokultur lernen

Die Sustainable Development Goals (SDG) geben mit ihren insgesamt 169 Unterzielen und einer Zielerreichung bis zum Jahr 2030 die Anforderungen an Nachhaltigkeit vor und verdeutlichen den Auftrag für Politik und Gesellschaft, einen durchgreifenden Wandel auf allen Ebenen herbeizuführen. "Doch für eine Transformation zur Nachhaltigkeit bedarf es neuer Lösungswege", formulierte kürzlich der Rat für Nachhaltige Entwicklung ((RNE). "Dabei sollen Kultur und ihre zivilgesellschaftlichen und staatlichen Akteure künftig eine stärkere Rolle spielen. Denn was unter Kultur verstanden wird, unterliegt einem permanenten Definitionswandel. Ohne die Schaffung eines Bewusstseins zur Nachhaltigkeit in der Gesellschaft ist die Transformation nicht zu bewerkstelligen."
 
Kultur und gesellschaftlicher Wandel stehen also im engen Zusammenhang mit nachhaltiger Entwicklung. Der RNE geht hierbei von einem breiten Verständnis von Kultur aus: Künstlerische Beiträge können ebenso eine Rolle spielen wie alles, was unter Alltagskultur oder politischer Kultur zu fassen ist.
 
Kultur trifft Umwelt
 
"Kultur ist Ausdruck von menschlichem Gestaltungswillen", schrieb Jens Kober in einem Dossier des Deutschen Kulturrates 2020. "Jedoch endeten viele dieser Gestaltungen für Natur und Umwelt in der Vergangenheit katastrophal. (...) Wenn es darum geht, nachhaltige Verhaltensweisen zu fördern, schauen wir immer noch viel zu sehr auf die Entwicklung neuer Technologien und nicht auf die erforderlichen kulturellen Kompetenzen oder sozialen Innovationen. Grund genug also, um die Zusammenarbeit zwischen zivilgesellschaftlichen Akteuren aus der Umwelt- und Kulturpolitik auszuweiten und mit neuem Fokus zu versehen."
 
Nachhaltige Entwicklung sei eine kulturelle Herausforderung, hatte der Deutsche Kulturrat als Dachverband von rund 250 Kulturorganisationen in Deutschland schon 2019 in dem Positionspapier "Umsetzung der Agenda 2030 ist eine kulturelle Aufgabe" formuliert. Bei einem kulturpolitischen Spitzengespräch der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, der Kultusminister-Konferenz, dem Deutschen Städtetag, dem Deutschen Städte- und Gemeindebund und dem Deutschen Landkreistag bekannten sich Länder, Bund und kommunale Spitzenverbände 2020 zu mehr Engagement für Klimaschutz in der Kultur, nicht nur hinsichtlich ihrer Inhalte. "Zugleich geht es aber auch um praktische ökologische Fragen wie etwa den Ressourcenverbrauch bei künstlerischen Produktionen oder Ausstellungen, die energetische Bilanz von Theatern oder Museen, die Mobilitätskonzepte bei Festivals oder Tourneen. Längst zeigen Vorreiter in der Kultur, dass ein nachhaltiger Betrieb oder eine nachhaltige Produktion möglich sind, ohne den künstlerischen Reichtum zu beschränken.Dass noch mehr öffentlich geförderte Einrichtungen und Kunstakteure diesen Weg einschlagen - darauf wollen wir hinwirken, dafür wollen wir entsprechende Anreize setzen, und darin wollen wir sie unterstützen."
Kulturfördergesetze, eine aktivierende Kulturpolitik und Cultural Governance-Konzepte eint zwar, dass sie hilfreiche Instrumente zur Planung und Steuerung kulturpolitischer Entwicklungsprozesse darstellen. Die Methoden weisen aber keine eindeutig erkennbare, nachhaltige Rahmung auf. Es wäre zeitgemäß und folgerichtig, eine konsequente Rücksichtnahme auf Natur und Mensch in das Zentrum zukünftigen kulturpolitischen Handelns zu stellen.

Die Kulturlandschaft in Deutschland ist geprägt durch eine institutionalisierte Infrastruktur. Die Kulturpolitik verweist in Kommunen, Ländern und im Bund auf ständige Zuwächse, bei allen Verteilungskämpfen in den Haushaltsdebatten geht es um mehr Budgets, vor allem für die Immobilien für Kultur, um die Finanzierung von Umbaumaßnahmen, Renovierungsvorhaben und Neubauten. Aber wer macht sich eigentlich Gedanken um die Zukunftsfähigkeit all dieser Entwicklungen? Wer sorgt sich um die Nachhaltigkeit in der Kulturlandschaft? Wer hat hierzu strategische Überlegungen, Visionen, vor allem Konzeptionen? Es bedarf offensichtlich einer Nachhaltigkeitskultur in Gesellschaft und Politik, aber auch im Kulturbereich selbst, es braucht Bildung für nachhaltige Entwicklung, branchenspezifische Prozessentwicklung und eine neue kulturmanageriale Praxis.
 
Eine besondere Funktion nehmen in der kulturellen Infrastruktur Soziokulturelle Zentren ein. Sie sind in erster Linie keine Wirtschaftsbetriebe, auch wenn sie einen Großteil ihrer Einnahmen selbst akquirieren müssen. Aus ihrer Geschichte heraus waren sie vor allem Impulsgeber für Initiativen, die offensichtlich gefehlt haben. Sie sind nach wie vor Seismografen für Fehlentwicklungen, die sich derzeit insbesondere in Intoleranz und Respektlosigkeit, Nationalismen und Rassismus ausdrücken. Und sie könnten wieder Agora sein für jene, die ansonsten nicht Gehör finden und kaum Zugänge zur Kulturlandschaft haben.
 
Die Soziokultur könnte demnach als Modell dienen: Soziokulturelle Zentren sind nah dran an gesellschaftlichen Transformationen, sie begleiten Menschen zur Selbstermächtigung und gewähren Teilnahme und Teilhabe. Die Vielfalt der Aufgabenfelder ist ein Markenkern von Soziokultur. Soziokulturelle Zentren präsentieren Programme und Projekte geradezu programmatisch in alter Bausubstanz, nutzen Fabrikgebäude, Schlachthöfe und andere Leerstände.
 
Hier geht es zum ganzen Artikel von Herrn Schneider.
 
 
Quelle: Website Kulturmanagement Network. Beiträge zur Themenreihe "klimafreundlich".

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