Im August 2019 ging der mit 10.000 Euro dotierte Kulturpreis 2019 der Evangelischlutherischen Landeskirche Hannovers an das Forum für Kunst und Kultur e.V. in Heersum. Knapp ein Jahr später sprechen Dennis Improda und Dr. Matthias Surall vom Arbeitsfeld Kunst und Kultur im Haus kirchlicher Dienste (HkD) vor Ort in Wrisbergholzen mit dem Preisträger-Team über die Nachwirkungen des Kulturpreises. Regisseur Uli Jäckle, Geschäftsführer des Forums Jürgen Zinke, Pastor Lars Sven Lukas und Ortsbürgermeister Rüdiger Hahne denken gemeinsam über die Zukunft von Kulturprojekten im ländlichen Raum nach und reflektieren über das Leben der Kulturschaffenden in Zeiten von Corona. Allem voran die Frage: Woran lässt sich die kulturelle Nachhaltigkeit von Kunst- und Kulturprojekten gerade im ländlichen Raum festmachen?

Für dialogisches Landschaftstheater ist das Forum für Kunst und Kultur Heersum weit über die regionalen Grenzen Hildesheims hinaus bekannt. Die Arbeit des Forums wurde 2019 als „praktizierte Kultur für alle und von allen“ mit dem Kulturpreis der Landeskirche ausgezeichnet. Durch die Erarbeitung origineller Stücke mit Laien und Profis, unter Berücksichtigung der Gegebenheiten vor Ort, eröffnet das Forum eigensinnige Möglichkeitsräume im ländlichen Raum. Der Geldpreis über 10.000 Euro sollte das Forum darin unterstützen. Doch mitten in den Proben zum Jubiläumsspektakel 2020 kam Corona. Ausgerechnet zum 30-jährigen Jubiläum des Forums mussten die Heersumer ihr jährlich an wechselnden Orten stattfindendes Sommerfestspiel absagen.

Das Dorf Wrisbergholzen, südlich von Hildesheim, feierte im letzten Jahr sein tausendjähriges Bestehen und wurde 2019 zum Aufführungsort der Heersumer Sommerspiele.
Das Forum Heersum wirkte mit und nutzte für die gut besuchten Ausführungen die bemerkenswerte Kulisse. „Gemeinschaftlich wurden die Heersumer Sommerspiele in
Wrisbergholzen im Rahmen des Ortsjubiläums zu einer gelungenen Veranstaltung, die auch ein Jahr später immer noch ein Gesprächsthema im Ort ist“, berichtet Ortsbürgermeister Hahne.

Der Begriff der Partizipation ist dabei ein Wesenskern des Forums Heersum und zieht Kreise über Wrisbergholzen hinaus, hinterlässt dabei sichtbare Zeichen an markanten Orten. Dort, wo im letzten Jahr die finale Szene spielte, findet sich heute nachhaltig einbetoniert ein fingierter UBahn-Schacht. Dabei stehe das Zeichen „U“ weder für Underground noch für Ungläubigkeit. „Nein, es steht für Unterhaltung. Wir wollten die Dörfer miteinander ins Gespräch bringen und das gelingt ja hier auch auf so wunderbare Weise“, so Zinke. Gesprächsthemen zu schaffen, die außerhalb des Alltäglichen liegen, so dass sie auch fortwährend Gesprächsthema bleiben, darin sieht Regisseur Uli Jäckle eine wesentliche Wirkung
seiner künstlerischen Arbeit. In Wrisbergholzen wird dies besonders deutlich. Kulturelle Nachhaltigkeit beruhe hier auf der gemeinschaftsbildendenden Wirkung und Identifikation, die über die Veranstaltung hinausgeht. So habe sich die Kommunikation im Dorf zunehmend intensiviert.

Zum Jubiläum sollte eigentlich „Faust III“ inszeniert werden – der Titel stand, das Plakat war fertig, die Proben hätten beginnen können. Zinke gibt zu: „Wir haben schon
lange tüfteln müssen, um uns von unserer Ursprungsidee zu verabschieden. Wir konnten es lange Zeit nicht glauben, dass man nicht proben kann.“ Doch wenn es nicht die große Unterhaltungsshow sein darf, so haben Uli Jäckle und Jürgen Zinke dennoch Ideen und Konzepte für Alternativen: „Jetzt, wo wir es nicht spielen durften, haben wir es umbenannt in ‚Auf eigene Faust’. Darunter verbirgt sich eine Sammlung von kleinen Guerilla-Projekten.“ Diese sind so konzipiert, dass sie auch unter Shutdown-Kriterien laufen könnten. Dabei solle das Auto-Kino eine Ausnahme bleiben, weil 360° Landschaftstheater nur unzureichend in ein digitales Format oder auf die zweidimensionale Leinwand zu übersetzen ist. Einem installativen Ansatz folgt hingegen die Idee einer inszenierten Ausfahrt mit dem Fahrrad oder dem Zug, wo man etwas zu sehen bekommt und gar nicht bemerkt, dass man Publikum ist. Zinke dazu: „Wenn es hart auf hart kommt, verzichten wir komplett aufs Publikum. Die Mitwirkenden können in der jeweils zulässigen Gruppengröße einzelne Landschaftsbilder bespielen, und wenn es gut geht, dann auch vor dem Publikum. Wenn nicht, dann reicht uns das als Motivation, mal einfach den Spieß umzudrehen. Dann spielen wir für die Landschaft, spielen in die Wiese und den Acker hinein, als Dank für diese wunderschöne Kulisse, in der wir dreißig Jahre lang inszeniert haben.“ Da die Eintrittsgelder die Hälfte des Jahresbudgets des Forums Heersum ausmachen, wissen alle nur zu gut, dass nicht allein die Spielfreude über das laufende Jahr zu tragen vermag. Ohne Kurzarbeitergeld und andere Förderprogramme geht es auch in Heersum nicht.

So gilt der ausdrückliche Dank des Forums Heersum dem Landesverband Soziokultur, der bisher beratend zur Seite stand und dafür gesorgt hat, „dass das
Forum nicht unter die Räder kommt.“

 

Text: Dennis Improda und Dr. Matthias Surall vom Arbeitsfeld Kunst und Kultur im Haus kirchlicher Dienste.

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