Nahtzeit. Die 50er Jahre zwischen Muff und Moderne (2019)

Nähmaschinen im Eisenbahnwaggon, Nähmaschinen in einer ehemaligen Betonfabrik, Nähmaschinen im historischen Festsaal.
Eine Zeit, die „genäht“ werden musste: die 50er Jahre!

„Nahtzeit“ erzählt große und kleine Geschichten über die Alltagskultur der 50er Jahre - hin und her gerissen zwischen Aufbruch und Verharren im Althergebrachten, Akkordarbeit und dem sogenannten Wirtschaftswunder.

Zeitzeug*innen haben ihre Geschichten erzählt und Katrin Orth hat daraus eine Ortsbespielung mit 70 Akteur*innen gemacht – mit Profis und Amateur*innen.

Die Besucher*innen werden in Kleingruppen eingeteilt und gehen mit einer Reiseleiterin auf Tour zu sechs Stationen quer durch die 50er Jahre.

Mittels Schauspiel, Musik, Tanz und Videoinstallationen erfahren sie Persönliches, Historisches und Politisches aus dieser Nahtzeit.

„Wer Schweine füttert, Gärten umgräbt und Steine schleppt, kann auch beim Tanzen führen!“ Der Männermangel beim Tanztee im Piesberger Gesellschaftshaus erfordert pragmatische Lösungen. Der Abend beginnt mit Rock ´n´ Roll und endet verstörend mit dem Kriegsheimkehrer Hermann, dessen Tochter ihren Vater nicht erkennt: „Wer ist dieser Mann?“

Mutig sind die Frauen, die in diese Zeit geworfen werden: Lisa radelt als junge Frau direkt nach dem Krieg bis zum Bodensee. Später wird sie eine fortschrittliche Lehrerin an der Volksschule Pye. Die Kunstschwimmerinnen „Neptunnixen“ werden deutsche Meisterinnen!

Die 18jährige Marlene ist wegen ihrer Mitgliedschaft in der KPD verdächtig und sitzt für mehrere Wochen im Gefängnis. „Es gibt keinen Kommunisten, der sein öffentliches Amt behalten hat. Mein Vater auch nicht! Aber die Ex-Nazis werden befördert! Das ist wirklich bitter!“

Und die Frauen haben genäht, genäht, genäht:

Waltraud sagt: „Ich konnte ja froh sein, überhaupt einen Ausbildungsplatz zu bekommen – als Flüchtling. Ich wäre gerne Kindergärtnerin geworden – aber danach fragte keiner.“

Erika ergänzt: „Als junges Mädchen wusste ich genau, was ich wollte: nach Berlin gehen und studieren, um Lehrerin zu werden! Was wurde ich? Schneiderin! Hat meine Mutter bestimmt. Keine Widerrede! Noch mit 18 Jahren bekam ich Schläge. Der Kommentar meiner Mutter: Schade um jeden Schlag, der danebengeht!“

Aber auch Likörchen und Schnittchen sind immer dabei. Und Badewannen, die Verwandte samstags nutzen.

Mit „Nahtzeit“ ist Katrin Orth in Kooperation mit dem Videokünstler Theo van Delft und dem Piesberger Gesellschaftshaus eine außergewöhnliche Theaterproduktion gelungen.

Herausgekommen ist ein Abend, der mehr über die Widersprüche der 50er Jahre verrät als jedes Geschichtsbuch es vermitteln kann!

Hier geht es zur Website: www.piesberger-gesellschaftshaus.de

Text: Imke Wedemeyer

Foto: Piesberger Gesellschaftshaus

Zurück

nach oben

Wir verwenden Cookies, um die Zugriffe auf unserer Website zu analysieren. Mehr erfahren